„Die Mutter aller Probleme“ – mit diesem Satz erklärte der damalige Innenminister (Horst) Seehofer im Jahr 2018 Migration zur Hauptursache gesellschaftlicher Konflikte. Damit entwertete er nicht nur die Lebensrealitäten und Biografien von Millionen Menschen in Deutschland, sondern stellte sich aktiv gegen all jene, die für eine offene, plurale Gesellschaft eintreten. Heute zeigt sich: Das Gegenteil ist der Fall. Nicht Migration ist das Problem, sondern das strukturell rassistisch aufgeladene, trennende und spaltende Sprechen über Migration – das permanente Reproduzieren eines „Wir gegen die“. Dieses dominante Narrativ ist selbst zur Quelle gesellschaftlicher Verwerfungen geworden.
Migration ist kein Ausnahmezustand, auch wenn sie nur zu oft als Störung verhandelt wird. Sie ist Alltag, Normalität und ein konstitutives Element unserer Gesellschaft. Sie gehört zu den prägenden Dynamiken moderner Gesellschaften, verändert Identitäten, gestaltet Räume, schafft Verbindungen – und ist zugleich durchzogen von Machtverhältnissen, Ausschlüssen, Kämpfen um Sichtbarkeit und Zugehörigkeit.
In einer Zeit, in der der gesellschaftliche „Rechtsruck“ den öffentlichen Diskurs prägt, stellt sich umso drängender die Frage, wie wir über Migration sprechen und aus welcher Position heraus wir wo gestaltend wirken.
Das Seminar nimmt Migration als Ausgangspunkt für eine kritische gestalterische Auseinandersetzung mit Öffentlichkeit, Repräsentation und politischem Handeln. Wir fragen: Was hat das mit uns zu tun? Wo verorten wir unsere gestalterische und künstlerische Praxis in Bezug auf Migration heute? Welche Bilder und Narrative prägen den öffentlichen Diskurs – und wie lassen sie sich verschieben, intervenieren, flankieren, erweitern oder gar transformieren? Welche gestalterischen Strategien unterlaufen das „Wir-gegen-die“? Wie kann Othering unterlaufen und transformiert werden?
Im Zentrum des Seminars stehen gestalterische Experimente im Spannungsfeld zwischen Subjekt und Öffentlichkeit. Wir entwickeln kollektive und individuelle Formate – u.a. Zeitung, Ausstellung, Interventionen im öffentlichen Raum, digitale Schnittstellen. Ziel ist eine widerständige Gestaltungspraxis, die sich klar gegen rassistische Diskurse positioniert und Migration nicht als Ausnahme, sondern als gesellschaftliche Normalität verhandelt. Das Seminar versteht sich als temporäres Labor – mit Raum für Recherche, Austausch, Reflexion, individuelle Positionierung und intensive Betreuung in Einzel- und Gruppenprozessen.
Möglich ist zudem eine Kooperation mit dem Erinnerungsprojekt „Das antirassistische Mahnmal an der Keupstraße“ (Ulf Aminde) zur Keupstraße in Köln-Mülheim, dem Ort des NSU-Nagelbombenanschlags von 2004. Dieses Projekt ist kein klassisches Mahnmal, sondern eine partizipative, performative und digitale Erinnerungsarchitektur – gedacht als öffentlicher Versammlungsraum und aktive Gedenkinfrastruktur, die nicht nur an das erinnert, was war, sondern Widerstand gegen Rassismus sichtbar und hörbar macht.